Rabbiner David Rosen
Der historische Besuch des Papstes im Jahre 2000 besass für Israel und die gesamte Region zahlreiche Dimensionen. Über seine persönliche Pilgerreise hinaus, verfolgte sein Besuch das Ziel, die christliche Präsenz im Heiligen Land zu bekräftigen und zu stärken. Themen von inner-christlichen Beziehungen und christlich-muslimischen Beziehungen standen an, sowie auch das Anliegen des Papstes, den Friedensprozess zu fördern, was selbstverständlich voraussetzte, die verschiedenen nationalen Interessen, Bestrebungen und Forderungen der betroffenen Parteien in Rechnung zu stellen.
Es kann jedoch kein Zweifel daran erhoben werden, dass der katholisch-jüdische Aspekt des Besuchs für die Absichten von Papst Johannes Paul II. und demzufolge auch für die Weltmedien im Vordergrund stand. Ganz besonders in diesem Zusammenhang, erlebten wir die Fähigkeit von Papst Johannes Paus II. die Macht des visuellen Bildes einzusetzen, - eine Fähigkeit, die er im gesamten Verlauf seines Pontifikats so vorteilhaft eingesetzt hat. Es geht dabei sicher nicht darum, die Substanz und die Bedeutung seiner eigenen Erklärungen und der Vatikandokumente, die ich ansprechen werde, zu mindern; es geht lediglich darum klarzustellen, dass Johannes Paul II. klar erkannte, dass das visuelle Bild es erlaubt, die Botschaft auf viel umfassendere und grundlegendere Art und Weise zu übertragen. Als er 1986 die Synagoge in Rom besuchte, wiederholte er zum grossen Teil, schon früher ausgesprochene Worte. Es gilt dennoch, dass die "gesehenen" Ereignisse, in der gesamten Weltöffentlichkeit so "gehört" wurden, wie nie zuvor.
Ähnliches gilt für die Verwerfung des Antisemitismus, den er wiederholt als Sünde gegen Gott und den Menschen dargestellt hat; seine Identifizierung mit dem jüdischen Leid, insbesondere in der Shoah; der Ausdruck seiner Reue für vergangene christliche Feindseligkeit und Gewalt gegen die Juden; sein Verständnis dessen, was Israel für das jüdische Volk bedeutet und daher auch des Stellenwertes der Aufnahme vollständiger Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel im Rahmen der katholischen Versöhnung mit dem jüdischen Volk; all das war schon lange vor dem Papstbesuch in Israel gesagt und getan worden.
Dennoch vermittelten die Bildes des Papstes in Yad Vashem und an der Klagemauer, sowie die Staatsempfänge am Ben-Gurion Flughafen und in der Residenz des Staatspräsidenten, der breiten Weltöffentlichkeit auf eine nie dagewesenen Art und Weise, die Wirklichkeit dieser erstaunlichen Veränderung in der katholischen Lehre und Haltung dem jüdischen Volk gegenüber.
Besonders bemerkenswert war die Bedeutung dieser und anderer Bilder für die Menschen in Israel. Jüdische Israelis leben in keinem christlichen Umfeld und treffen in ihrem Alltag nicht unbedingt mit modernen Christen zusammen. Auch auf ihren Auslandsreisen treffen sie hauptsächlich auf nicht-Juden im Allgemeinen, nicht unbedingt auf Christen als solche. Da das Christentum für die grosse Mehrheit von ihnen keinerlei Bedeutung besitzt, stammen die Bilder, die sie mit dem Christentum verbinden, hauptsächlich aus der tragischen Vergangenheit. Gerade weil die Israelis eine so geringe Kenntnis der in den letzten fünfunddreissig Jahren eingetretenen Veränderungen besassen, führte der Papstbesuch zu der überraschenden Erkenntnis, dass die katholische Kirche den Juden nicht nur ohne die traditionelle Feindseligkeit gegenübertritt, sondern dass sie eine positive und respektvolle Beziehung mit denjenigen sucht, die Johannes Paul II. als "den geliebten älteren Bruder des ursprünglichen Bundes, den Gott nie widerrufen hat", ansieht.
Diese Wirklichkeit, die die meisten Israelis erst im Verlauf des Papstbesuches kennenlernten, ist selbstverständlich das Ergebnis einer bemerkenswerten Veränderung in der katholischen Haltung und Lehre. Im Verlauf der Geschichte stellte das Christentum die Juden grösstenteils als von Gott verworfenes Volk dar, das durch die Kirche ersetzt wurde und zum Leid und zur Heimatlosigkeit verdammt war, da es den Anspruch des christlichen Glaubens nicht anerkannte. Diese Haltung bildete die Grundlage der Feindseligkeit der katholischen Kirche dem Gedanken gegenüber, das jüdische Volk könne in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehren, um seine Souveränität dort erneut zu errichten.
Während der Geist der modernen Forschung einen grossen Einfluss auf die neuen Tendenzen ausübte, die schon in den früheren Jahren des Jahrhunderts auf eine Überarbeitung der katholischen Lehre über die Juden hinwiesen, waren es sowohl der Einfluss der Shoah, als auch der persönliche Einsatz von Papst Johannes XXIII, die zu einem radikalen Bruch mit der Theologie der Vergangenehit führten. Er wurde ganz zweifellos sowohl von seinen eigenen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, als auch von seinen persönlichen Begegnungen zu diesem Thema, insbesondere mit Jules Issac beeinflusst.
Dementsprechend bildete dieses Thema eines der Hauptanliegen, die Johannes XXIII. u.a. bei der Einberufung des Zweiten Ökumenischen Konzils ansprechen wollte. Demzufolge wies das 1965 veröffentlichte, als "Nostra Aetate" bekannte Dokument, "die Lehre der Verachtung" dem jüdischen Volk gegenüber auf das Schärfste zurück und leitete eine "positive Revolution" in der kirchliche Lehre, dem jüdischen Volk und dem Judentum gegenüber ein, die seit über dreissig Jahren andauert. In diesem Dokument wies die Kirche den Gedanken der ständigen, übergreifenden jüdischen Verantwortung für den Tod Jesu zurück; sie bekräftigt den göttlichen Bund mit dem jüdischen Volk als ewig und ungebrochen; und sie verurteilt den Antisemitismus.
Seit "Nostra Aetate" haben der Vatikan und Papst Johannes Paul II. insbesondere, den Versöhnungsprozess der katholischen Kirche mit dem jüdischen Volk vertieft, das besondere Band, das sie verbindet bekräftigt und die Sünde des Antisemitismus ausdrücklich verurteilt. 1990 bekräftigte der Papst die von Kardinal Cassidy, dem Präsidenten des Vatikanausschusses für die religiösen Beziehungen zu den Juden in Prag abgegebenen Erklärung, "die Tatsache, dass der Antisemitismus im christlichen Denken und der christlichen Lehre eine Platz gefunden hat, verlangt von uns allen Teshuvah (Busse)." In demselben Jahr, sagte Papst Johannes Paul II bei der Akkreditierung des ersten Botschafters des wiedervereinigten Deutschlands: "für Christen muss die schwere Last der Schuld für den Mord am jüdischen Volk einen ständigen Ruf zur Busse bedeuten, durch die wir jede Form des Antisemitismus bezwingen können und eine neue Beziehung mit der uns verwandten Nation des Alten Bundes aufnehmen können."
Zu den bedeutenden Meilensteinen seit "Nostra Aetate" gehören die Richtlinien von 1975, die dieses Dokument ausführlich ausarbeiten und das Dokument mit dem Titel "Anmerkungen zur korrekten Darstellung von Juden und Judentum in Predigt und Katechese innerhalb der römisch-katholischen Kirche (1985) von der päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden.
In diesem Dokument wurde zum ersten Mal in einer offiziellen Veröffentlichung des Vatikan, die Bedeutung des Staates Israel für das jüdische Volk und sein Selbstverständnis anerkannt. Papst Johannes Paul II hatte seine persönliche Anerkennung der Zentralität des Staates Israel für die Juden schon in seinem apostolischen Schreiben "Redemptionis Anno" (20. April 1984) und ähnlicherweise in seiner Ansprache vor Repräsentanten der jüdischen Gemeinde von Miami (11 September 1987) ausgedrückt, als er erklärte, dass "... nach der tragischen Ausrottung in der Shoah, das jüdische Volk eine neue Periode seiner Geschichte begann. Es hat das Recht auf eine Heimat, wie jede andere zivilisierte Nation, nach internationalem Recht (das ist was wir für das im Staat Israel lebenden jüdische Volk anstreben...". 1994 erklärte er (in einem, in der Zeitschrift Parade veröffentlichten Interview), "es muss verstanden werden, dass die Juden, die Tausende von Jahren hinweg unter den Nationen der Welt zerstreut waren, beschlossen haben, in das Land ihrer Vorväter zurückzukehren. Das ist ihr gutes Recht!"
Dementsprechend bildete die Normalisierung der Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel die logische, langerwartete Folge dieser grundlegenden Veränderungen in Theologie und Ansatz. Darüberhinaus hatte der Heilige Stuhl lange Jahre vor der Einrichtung diplomatischer Beziehungen kategorisch erklärt, es gäbe keine theologischen Hürden für eine volle Normalisierung diplomatischer Beziehungen mit dem Staat Israel.
Was den Vatikan in diesem Zusammenhang jedoch hemmte, war die Tatsache, dass die Kirche über Gemeinden, Einrichtungen und Liegenschaften in arabischen und anderen muslimischen Gesellschaften verfügt und als Folge einer Annäherung an den Staat Israel eine Gegenreaktion befürchtete.
Der Friedensprozess im Nahen Osten, der nach dem Golfkrieg von 1991 einsetzte, eröffnete neue Möglichkeiten bilateraler Beziehungen. Bei der Pressekonferenz zur Ankündigung der Einrichtung des Ständigen bilateralen Ausschusses zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel im Sommer 1992, sagte der Sprecher des Vatikans Hoachim Navarro-Valls in seiner Antwort auf eine Frage: " Die Araber, einschliesslich der Palästinenser, sprechen mit den Israelis, warum sollte wir es nicht tun!" Es bestand demnach keine weitere Angst vor einem arabischen Gegenschlag und der Vatikan besass damit verschiedene gute Gründe, eine Förderung formeller Beziehungen mit Israel herbeizuwünschen. Neben einer Bezeugung der Ehrlichkeit seines Beharrens, dass keine theologischen Hürden auf dem Weg zur Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen mit dem Staat Israel mehr bestünden, wollte der Heilige Stuhl bei den Verhandlungen über die Zukunft der Region, die auch einen Einfluss auf seine eigenen Interessen ausüben würden, vertreten sein, z. B. zu Fragen Jerusalems, so wie zu Aspekten der Förderung von Interessen seiner Gemeinden im Heiligen Land. Die Verhandlungen des bilateralen Ausschusses führten zu einem erfolgreichen Ergebnis, nämlich der Unterzeichnung des Grundlagenvertrags zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel Ende 1993, mit einem anschliessenden Botschafteraustausch. Dies wurde in nicht geringem Masse von der persönlichen Autorität von Papst Johannes Paul II getragen, der sich hinter diese Anstrengungen stellte, um ihren Erfolg sicherzustellen, in Anerkennung ihrer Bedeutung für die katholisch-jüdische Aussöhnung, wie in der Präambel des Grundlagenvertrags selbst zu lesen ist.
Während damit eine neue Ära des Dialogs zwischen Israel und dem Vatikan eingeläutet wurde, hatte ein offizieller internationaler jüdisch-katholischer Verbindungsausschuss (ILC) schon zweieinhalb Jahrzehnte vorher seine Arbeiten aufgenommen. Die jüdischen Partner hatten ihr vorrangiges Ziel in diesem Verhandlungsrahmen darin gesehen, sicherzustellen, dass die Veränderungen in der katholischen Theologie in den katholischen Bildungsrichtlinien und –programmen, einen globalen Eingang und eine Umsetzung erleben, zur Bekämpfung antijüdischer und antisemitischer Haltungen. Sie sahen ihre Verantwortung auch darin, dem Heiligen Stuhl die Bedeutung der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen mit dem Staat Israel für die katholisch-jüdischen Beziehungen selbst nahezubringen. Der Dialog bezog sich jedoch auch auf die Notwendigkeit, gegenseitiges Verständnis und enge Zusammenarbeit in Sinne gemeinsamer Werte zu fördern. Dementsprechend befassten sich ILC Sitzungen mit der Ausarbeitung und Vorlage von gemeinsamen Erklärungen zu Themen wie Familie, Heiligkeit des menschlichen Lebens, Ökologie und Umwelt.
Die Aufnahme voller bilateraler Beziehungen zwischen dem Staat Israel und dem Heiligen Stuhl und die eindeutige Stellungnahme des Heiligen Stuhls gegen den Antisemitismus, sind somit in mehrerer Hinsicht als das Ergebnis dieses Dialogs anzusehen, auch wenn sie durch die internationalen Entwicklungen erleichtert wurden.
Für diejenigen, die nur wenig oder sogar nichts von der Entwicklung des katholisch-jüdischen Dialogs und seinen grossen Fortschritten in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten ahnten, insbesondere in den USA, bedeutete der Besuch des Papst ein Erwachen in einer neuen Realität. Für diejenigen, die diesem Dialog und seinen Errungenschaften unvoreingenommen entgegentraten, bedeutete der Papstbesuch eine reine Bestätigung und Unterstützung für vergangene und fortlaufende Entwicklungen.
Ganz zweifellos wird der oben dargestellte Einfluss des Besuchs auf die israelische Gesellschaft ein besseres israelisches Verständnis und eine stärkere Unterstützung des Dialogs fördern. Dies zeigte sich schon in einem Rundschreiben, das der Generaldirektor des Erziehungsministeriums, vor dem Papstbesuch, an israelische Schule verschickte, in dem er sie aufrief, anhand von einschlägigen klassischen und modernen Texten, Diskussionen über Veränderungen in den christlich-jüdischen Beziehungen anzuregen. Auf päpstliche Initiative, richtete der Vatikan einen bilateralen Ausschuss für den Dialog mit dem Oberrabbinat Israels ein, - Ausdruck einer neuen Beziehung zwischen den jeweiligen religiösen Einrichtungen.
Wie Ministerpräsident Ehud Barak in seinen Worten an den Papst in Yad Vashem bemerkte, besteht keine Möglichkeit, die Vergangenheit über Nacht hinter uns zu lassen. Es verbleiben zweifellos nicht nur weitreichende theologische Unterschiede, die unsere beiden Glaubensgemeinschaften auseinanderhalten, sondern auch Unterschiede im historischen Gedenken und in der Interpretation der Vergangenehit. Dennoch haben wir mit Sicherheit eine neue Ära in den katholisch-jüdischen Beziehungen eingeleitet, in der der Israel-Besuch von Papst Johannes Paul II als bedeutender Meilenstein auf dem historischen Weg der Versöhnung und der erfolgreichen Zusammenarbeit angesehen werden wird.
Rabbiner David Rosen leitet die Abteilung für religiöse Angelegenheiten des AJC (American Jewish Congress). Er ist Vorsitzender des Internationalen Jüdischen Komitees für Interreligiöse Kontakte (IJCIC) und ehrenamtlicher Berater des israelischen Oberrabbinats zu interreligiösen Fragen.